Neue Spielregeln für Bürgerenergie – und wie wir uns darauf einstellen

Uhr kurz vor 12

Die geplanten Änderungen bei EEG, Netzentgelten und Netzanschluss verschieben Markt- und Netzkostenrisiken auf die Betreiber und treffen Bürgerenergie besonders. Die BEG Kraichgau stellt sich darauf ein: Sie will ihre PV-Projekte noch unter den bisherigen Regeln umsetzen, plant neue Projekte mit hohem Eigenverbrauch und Speicher und verteilt ihre Einnahmen auf sieben Standbeine. Der Beitrag ordnet die Reformen ein und zeigt, was wir umgesetzt haben und woran wir arbeiten.

Worum es geht

Die geplanten Reformen verschieben Markt- und Netzkostenrisiken auf die Anlagenbetreiber, und das trifft Bürgerenergie härter als große Projektierer. Mit EEG 2027, der neuen Netzentgeltsystematik AgNes und dem Netzpaket ändern sich Förderung, Netzentgelte und Netzanschluss innerhalb weniger Monate gleichzeitig.

Wir halten mehr Marktorientierung grundsätzlich für richtig. Problematisch ist die Summe der Unsicherheiten: Wer Projekte über 20 Jahre mit Fremdkapital finanziert, braucht verlässliche Erlöse und kalkulierbare Kosten. Beides ist derzeit offen.

Die BEG Kraichgau hat darauf reagiert. Wir haben noch vor der Umstellung Projekte fertiggestellt, setzen stärker auf Eigenverbrauch und Speicher und verbreitern unsere Einnahmen auf mehrere Standbeine. Dieser Beitrag ordnet ein, was geplant ist, was es für Bürgerenergie bedeutet und was wir tun.

Möglich ist das, weil wir mit dem starken Wachstum der vergangenen Jahre die Grundlage für Stabilität und weiteres Wachstum gelegt haben. Wir sind in der Region bekannt, haben professionelle Strukturen aufgebaut und verfügen über ein passendes Projektportfolio. In unseren Tochtergesellschaften arbeiten inzwischen 14 Mitarbeitende, und wir übernehmen auch die Betriebsführung für Unternehmenskunden. Dazu haben alle Mitglieder und Unterstützer beigetragen.


Was geplant ist

Drei Vorhaben greifen ineinander. Nach unserem Kenntnisstand befinden sie sich noch im Verfahren, Details können sich ändern.

  • EEG 2027. Der Referentenentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums (April 2026) richtet das EEG auf Marktintegration und Direktvermarktung aus und setzt die von der EU geforderten zweiseitigen Differenzverträge (CfD) um. Nach Analyse der Verbände sollen die feste Einspeisevergütung entfallen, die Direktvermarktungsgrenze sinken und der Bericht zur Bürgerenergie gestrichen werden. Bei Wind soll das Ausschreibungsvolumen bis 2032 festgeschrieben werden. Die Verbände begrüßen einzelne Elemente, fordern aber Anpassungen, etwa beim Vertrauensschutz, bei der CfD-Ausgestaltung und im Bürgerenergiebegriff.
  • AgNes (Netzentgelte). Die Bundesnetzagentur will erstmals auch Einspeiser an den Netzkosten beteiligen. Die Konsultation zum Festlegungsentwurf lief bis 18. September 2026, die Festlegung soll Ende 2026 erlassen werden und ab 2029 gelten. Für Erzeugungsanlagen über 30 kW ist ein Kapazitätsentgelt vorgesehen, bemessen an der vereinbarten Einspeisekapazität statt an der installierten Leistung. Speicher sollen ebenfalls ein pauschales Kapazitätsentgelt zahlen, dynamische Netzentgelte frühestens ab 2030, für Einspeiser ab 2032. Laut BEE bleiben Projekte mit finaler Investitionsentscheidung bis 1. Januar 2027 und Inbetriebnahme bis 4. August 2029 für 20 Jahre von den neuen Entgelten befreit. Außerdem hält die Behörde an einem zusätzlichen Grundpreis für Prosumer fest, der laut BEE auch Mieterstrom und gemeinschaftliche Gebäudeversorgung trifft.
  • Netzpaket. Der Referentenentwurf des Wirtschaftsministeriums vom 29. Juli 2026 soll den Anlagenzubau mit dem Netzausbau synchronisieren und das Netzanschlussverfahren verbessern. Vorgesehen sind ein Redispatch-Vorbehalt beim Netzanschluss (§ 17b EnWG-E), ein Baukostenzuschuss auch für Einspeiser und ein Zuteilungsverfahren, das konkurrierende Netzanschlüsse nach Planreife priorisiert. Die Erneuerbaren-Verbände lehnen vor allem den Redispatch-Vorbehalt ab, weil er in einen Grundsatz des EEG eingreife.

Was das für Bürgerenergie bedeutet

Bürgerenergie trägt dieselben Marktrisiken wie große Projektierer, kann sie aber schlechter verteilen. Es fehlen Handelsabteilungen, Portfolioeffekte und breite Eigenkapitalpolster. Das Bündnis Bürgerenergie bewertet den EEG-Entwurf differenziert. Vier Wirkungen sehen wir besonders:

  • Erlöse werden volatiler. Ohne feste Vergütung hängen Projekte an Marktpreisen, negativen Preisen und der konkreten CfD-Ausgestaltung. Aus unserer Sicht besteht die Gefahr, dass PPA-Risiko und Differenzvertrag nicht sauber getrennt werden und PPAs dadurch unwirtschaftlich werden.
  • Die Bankfähigkeit leidet. Projekte rechnen sich in der Praxis über rund 30 Jahre, Fremdkapital gibt es meist nur für etwa 20. Dafür braucht es einen verlässlichen Cashflow über mindestens diese 20 Jahre. Kürzere Förderdauern und unklare Erlösabsicherung gefährden genau das.
  • Netzkosten kommen obendrauf. Baukostenzuschuss, Kapazitätsentgelte für Erzeuger und Speicher sowie ein möglicher Redispatch-Vorbehalt bedeuten Vorleistungen, laufende Kosten und Erlösrisiken, die in bestehenden Kalkulationen nicht stehen.
  • Die Regeln stehen nicht gleichzeitig. EEG, AgNes und Netzpaket laufen in unterschiedlichem Tempo. Investitionsentscheidungen fallen, bevor das Gesamtbild feststeht.

Es gibt auch Chancen. Wer Eigenverbrauch, Speicher und regionale Lieferbeziehungen organisiert, hängt weniger an Einspeiseerlösen. Das gilt nicht automatisch: Der AgNes-Entwurf sieht laut BEE einen pauschalen Prosumer-Grundpreis vor, der auch Mieterstrom träfe, und ein Kapazitätsentgelt für Speicher. Die Rechnung muss im Einzelfall stimmen. Kapazitätsbasierte Entgelte machen Überbauung und Co-Location attraktiver, also die mehrfache Nutzung eines Netzanschlusses. Und eine Genossenschaft hat Zugang zu Mitgliederkapital, das Großinvestoren nicht haben.


Was wir schon umgesetzt haben

Die Basis ist breit: 1.293 Mitglieder tragen fast 8 Mio. Euro Geschäftsguthaben. Daraus sind 78 PV-Dachanlagen mit 4,1 MWp, 78 öffentliche Ladepunkte, zwei Wärmenetze und ein Carsharing-Angebot entstanden.
Auf dieser Basis haben wir bereits reagiert:

  • Projekte vor der Umstellung realisiert. Viele EEG-geförderte PV-Anlagen haben wir 2026 noch unter den bisherigen Regeln fertiggestellt und wir haben auch noch einige Projekte bis zum Jahresende geplant.
  • Netzanschluss gesichert. Das Umspannwerk des Bürger.Solarparks Eppingen ist gebaut und mit Eigenkapital finanziert. Von 80 MVA sind 50 MVA Einspeiseleistung exklusiv für die beteiligten Bürgerenergiegenossenschaften reserviert. Freie Kapazität ist für Wind und weitere Speicher vorgesehen. Der Bürger.Solarpark Eppingen wird auch direkt mit einem 60MWh Grünstromspeicher umgesetzt werden, eine nachträgliche Erhöhung der Speichergröße ist jederzeit möglich.
  • Gemeinsam statt einsam. Was für unsere Mitglieder gilt, setzen wir natürlich auch auf Unternehmensebene um: Wir sind im engen Austausch mit anderen Genossenschaften, mit Stadtwerken, den Banken und Unternehmen und arbeiten an Kooperationen, wie z.B. beim Bürger.Solarpark in Eppingen mit den beteiligten Genossenschaften BEnKA – BürgerEnergie Karlsruhe eG und der HEG – Heidelberger Energiegenossenschaft.
  • Zusätzliches Standbein. Neben den PV-Anlagen und Wärmenetzen hat sich die Ladeinfrastruktur von einem Nebenerwerb zu einem weiteren Erfolgsfaktor für uns entwickelt. Mit inzwischen 80 Ladepunkten im Kraichgau haben wir eine solide Basis und wollen diese weiter ausbauen.
  • Kapital über die Mitglieder. Neben Geschäftsanteilen können Mitglieder Nachrangdarlehen zeichnen und so die Energiewende in Bürgerhand beim Rennen um die Energieversorgung der Zukunft handlungsfähig halten.

Woran wir gerade arbeiten

Unsere Pipeline umfasst weitere Bürger.Solarparks in allen Größenklassen und einem Investitionsvolumen im hohen zweistelligen Mio. Eurobereich und auch die Beteiligungen an drei Windparks in der Region sind, wenn die Regulierung in Berlin einer regionalen Umsetzung Sorge trägt, zu vernünftigen Konditionen realisierbar. Und auch im Dach-PV Bereich haben wir bereits weitere Entwicklungen eingeleitet. Damit sie unter neuen Regeln tragen, richten wir die Projekte anders aus:

  • Eigenverbrauch statt reiner Einspeisung. Wir priorisieren Projekte mit hohem Eigenverbrauch plus Speicher, Mieterstrom und Ladeinfrastruktur für Gewerbe und Mietobjekte, jeweils kombiniert mit PV.
  • Sektorenkopplung direkt mitdenken. Bei neuen Projekten aller Art denken wir grundsätzlich direkt neben Speicher auch Möglichkeiten für Wärme-/Kälteerzeugung und Ladeinfrastruktur mit.
  • Weiterer starker Ausbau eLadeinfrastruktur. Bisher rein aus Eigenkapital finanziert, arbeiten wir jetzt mit unseren regionalen Finanzierungspartnern an Lösungen den geplanten weiteren Ausbau auch mit Fremdkapital zu hebeln um diesen in der Geschwindigkeit voranzutreiben, wie es der stark Wachsende Markt erfordert.
  • Speicher nachrüsten. Bei Bestandsanlagen prüfen und setzen wir Speichernachrüstungen um, um Erlöse und Einspeisung bzw. Netzbezug besser zu steuern.
  • Speicher am Solarpark Eppingen. Wie jetzt schon bei unserem Bürger.Solarpark Eppingen Projekt kurz vor Umsetzung, werden wir zukünftige große Erzeugungsanlagen grundsätzlich mit großen Speichern im MWh-Bereich denken und planen.
  • Langfristige Stromlieferverträge. Wir haben uns inzwischen ein beachtliches Netzwerk im Bereich der PPA-Vermarktung aufgebaut und uns mit externen Dienstleistern und Partnern ausführlich mit der Strukturierung und Belieferung regionaler Abnehmer beschäftigt, weil wir diese Kompetenz nicht allein aufbauen wollen. Auch hier werden wir sicherlich in den nächsten Jahren viel Möglichkeit haben diese einzusetzen.
  • Austausch auf Branchenebene. Mit anderen Bürgerenergie-Akteuren, Banken und Verbänden entwickeln wir Ideen, wie sich erneuerbare Energieanlagen und die dort erzeugten Energiemengen über zehn Jahre und mehr bankfähig absichern lassen.

Das neue EEG macht mehr Arbeit: bei den nun notwendigen Großprojekten wie Freiflächen-PV und Wind samt Kapitalakquise, aber auch bei den weiterhin möglichen Aufdachanlagen mit hohem Eigenverbrauch, etwa Mieterstrom. Diesen Mehraufwand bewältigt man nur mit entsprechendem Personal, im eigenen Haus oder durch Kooperation. Wir haben solche Strukturen frühzeitig aufgebaut und stellen uns auch als Partner für Kooperationen mit anderen Bürgerenergiegenossenschaften auf.


Diversifizierung der Einkommensstruktur

Wir verteilen unsere Einnahmen auf sieben Standbeine, damit eine einzelne Regeländerung nicht das gesamte Ergebnis trifft.

Standbein Beispiel bei der BEG Wovon es abhängt Stand
Stromerträge aus Förderung
und Direktvermarktung
PV-Dachanlagen, Bürger.Solarparks Marktpreise, EEG 2027, CfD-Ausgestaltung Bestand und Pipeline
Eigenverbrauch und
Lieferung vor Ort
Mieterstrom, Gewerbe-PV mit Speicher Strompreisniveau, Bonität der Abnehmer im Ausbau
Langfristige PPA Solarpark Eppingen, Wind Abnehmer, Strukturierung, Bankfähigkeit in Verhandlung
Speicher und Flexibilität Batterie in Eppingen und erste Dach-PV/Speicher
Kombinationen, geplante Nachrüstung
Preisspreads, Netzentgelte, Baukostenzuschuss in Prüfung und Aufbau
Mobilität Ladepunkte, eAutovermietung, eCarsharing Ladevolumen, THG-Preise Bestand und Ausbau
Wärme zwei Wärmenetze Wärmeabnahme, Betriebskosten, Fördermittel Bestand und Ausbau
Dienstleistung und Betriebsführung Betriebsführung für Unternehmenskunden
durch die Tochtergesellschaften
Vertragslaufzeiten, Kundenbindung, Personalkosten laufend

Hiermit haben wir eine solide Basis für die weitere Entwicklung – nicht losgelöst was in Berlin entschieden wird, aber doch deutlich resilienter in der Ausrichtung.


Fazit und was jetzt gebraucht wird

Bürgerenergie bleibt sicherlich auch unter den neuen Regeln machbar, aber nur mit mehr Eigenverbrauch, mehreren Standbeinen und verlässlichen Rahmenbedingungen. Von der Politik wünschen wir uns drei Dinge:

  1. Verlässlichkeit und Gleichzeitigkeit. EEG 2027, AgNes und Netzpaket sollten aufeinander abgestimmt werden, mit Vertrauensschutz für Projekte, die bereits in Planung oder Bau sind.
  2. Bankfähige Erlösabsicherung. Der CfD-Rahmen muss so gestaltet sein, dass PPA und Differenzvertrag sauber getrennt bleiben und eine Finanzierung über 20 Jahre möglich ist. Genossenschaften und Mittelstand müssen für Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen anschlussfähig bleiben.
  3. Transparente Netzanschlüsse. Erst Transparenz, Standardisierung und diskriminierungsfreie Verfahren, danach mehr Eigenverantwortung und Kostenbeteiligung.

Andere Bürgerenergiegenossenschaften laden wir zur Zusammenarbeit ein, denn nicht jede muss alle Strukturen allein aufbauen.

Unsere Mitglieder laden wir ein, mit uns ins Gespräch zu kommen, etwa beim Bürger.Forum in Forst am 12. November 2026, am 16. November 2026 in Kraichtal-Münzesheim und am 19. November 2026 in Kirchardt. Weitere Termine unter anderem in Bad Rappenau, Eppingen und Ubstadt-Weiher werden Anfang des neuen Jahres folgen.

Die Regeln werden sich ändern. Ob die Energiewende im Kraichgau in Bürgerhand bleibt, hängt davon ab, wie gut wir uns darauf einstellen.