Bürgerenergie im internationalen Austausch

Delegation aus Brusque erneut zu Gast im Kraichgau

Wie könnte eine Energiegenossenschaft in Brusque aussehen und welche Erfahrungen lassen sich aus erfolgreichen Bürgerenergieprojekten und genossenschaftlichen Strukturen in Deutschland übertragen? Diesen Fragen ging eine zwölfköpfige Delegation aus der brasilianischen Stadt Brusque während ihres Besuchs vom 6. bis 10. Juli 2026 nach. Anhand konkreter Praxisbeispiele erhielten die Gäste Einblicke in die deutsche Bürgerenergie und prüften gemeinsam, welche Ansätze sich an die brasilianischen Rahmenbedingungen anpassen lassen.

Der Delegationsbesuch fand erneut im Rahmen der Klimapartnerschaft zwischen Brusque und dem Landkreis Karlsruhe statt. Die Umwelt- und Energieagentur Kreis Karlsruhe koordinierte das Besuchsprogramm gemeinsam mit dem Landkreis Karlsruhe und begleitete die Delegationswoche. Die BürgerEnergieGenossenschaft Kraichgau (BEG Kraichgau) gestaltete die fachlichen Programmpunkte mit und brachte ihre langjährigen Erfahrungen als Bürgerenergiegenossenschaft in die Vorträge und Workshops ein. Damit wird die Klimapartnerschaft um eine weitere Ebene ergänzt: Neben der Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Schulen und Universitäten rückt nun auch die unmittelbare Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger stärker in den Fokus. 


Zur Delegation aus Brasilien gehörten Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung von Brusque sowie Lehrende und Verantwortliche der UNIFEBE. Ihre Fachgebiete reichten von Wirtschaftsentwicklung, Umwelt, Bildung und Zivilschutz bis zu Betriebswirtschaftslehre und Ingenieurwissenschaften. Diese Vielfalt machte deutlich: Für eine erfolgreiche Energiewende müssen regionale Entwicklung, Bildung, Klimaschutz und gesellschaftliche Teilhabe mitgedacht werden.

Bürgerenergie vor Ort erleben

Den fachlichen Auftakt bildete am Montag, 6. Juli, der Besuch am EnergieCampus der BEG Kraichgau in Sinsheim. Dort erhielten die Gäste Einblicke in die Entwicklung der Genossenschaft und ihre vielfältigen Projekte. Auch Sebastian Staudenmayer von der EnerGeno Heilbronn-Franken eG war vor Ort und berichtete von seinen Erfahrungen beim Aufbau und bei der Weiterentwicklung genossenschaftlicher Bürgerenergie.

Bei der anschließenden Besichtigung der Anlagen konnte sich die Delegation ein konkretes Bild von der Umsetzung vor Ort machen. Auf dem Programm standen die Agri-Photovoltaikanlage (Agri-PV-Anlage) in Bad Rappenau-Fürfeld, die Freiflächen-PV-Anlage am Lärmschutzwall in Kirchardt sowie die dortige Quartierslösung, die Strom, Speicher, Wärme und Mobilität vereint.

Ein weiterer Programmpunkt war der Besuch der KLIMA ARENA in Sinsheim. Dort erlebte die Delegation, wie Klimaschutzthemen interaktiv, zielgruppengerecht und mit konkreten Handlungsmöglichkeiten vermittelt werden können.

Austausch mit Akteuren der Bürgerenergie

Die Termine in Heidelberg knüpften an die Praxisbeispiele des ersten Tages an und erweiterten den Blick auf überregionale Kooperationsstrukturen sowie niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten. Kai Hock und Mayana Jonker von Bürgerwerke eG zeigten, wie lokale Bürgerenergiegenossenschaften durch gemeinsame Vermarktung, Dienstleistungen und professionelle Strukturen bundesweit zusammenarbeiten können, ohne ihre regionale Verankerung zu verlieren. Anschließend stellte Simone Herpich von Balkon.Solar e.V. am Beispiel von Balkonsolaranlagen vor, wie Bürgerinnen und Bürger mit überschaubarem Aufwand selbst Teil der Energiewende werden können.

4. SDG-Konferenz am Technologiepark Karlsruhe

Am Donnerstag erweiterte die 4. SDG-Konferenz das Besuchsprogramm um den Austausch mit Akteurinnen und Akteuren aus Kommunen, Kreisverwaltung, Wissenschaft, Bildung und Energiewirtschaft. Die Veranstaltung fand in Räumlichkeiten der Hochschule Karlsruhe am Technologiepark Karlsruhe statt und rückte die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen – die Sustainable Development Goals, kurz SDGs – in den Mittelpunkt.

Inhaltliche Schwerpunkte waren die bürgergetragene Energiewende, nachhaltige Finanzierung und Klimawandelanpassung. Zugleich bot die Konferenz die Gelegenheit, die Entwicklungen der Energiewende in Deutschland und Brasilien gegenüberzustellen. Dabei wurde deutlich, welche Fortschritte Brasilien in den vergangenen Jahren beim Ausbau erneuerbarer Energien bereits erzielt hat.

Beide Länder verbindet jedoch eine zentrale Herausforderung: Wie können Bürgerinnen und Bürger aktiv an der dezentralen Energieversorgung beteiligt werden und von ihr profitieren? Genau hier setzen Bürgerenergiegenossenschaften an: Teilhabe ermöglichen, Akzeptanz stärken und dazu beitragen, dass Wertschöpfung in der Region bleibt. Die Konferenz ergänzte damit die praktischen Projektbesuche um den Austausch über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

Bürgerenergie für Brusque weiterdenken

In den Workshops während und nach der Konferenz wurden die Fragestellungen in zwei Arbeitsgruppen vertieft. Eine Gruppe beschäftigte sich mit der Klimawandelanpassung (präsentiert von der Umwelt- und Energieagentur Kreis Karlsruhe), insbesondere mit möglichen Maßnahmen zum Hochwasserschutz. Die zweite Gruppe richtete den Blick auf die Bürgerenergie (präsentiert vom DGRV und der BEG Kraichgau): Was macht Bürgerenergie erfolgreich? Welche Voraussetzungen braucht eine dezentrale, gemeinschaftlich getragene Energieversorgung? Und wie könnte ein tragfähiges Geschäftsmodell für eine Bürgerenergiegenossenschaft in Brusque aussehen? In beiden Arbeitsgruppen wurden erste Ansätze entwickelt, konkrete Aufgaben verteilt und bereits Termine für den weiteren Austausch vereinbart.

Die Delegationswoche hat gezeigt, dass die Erfahrungen der BEG Kraichgau inzwischen weit über die Region hinaus gefragt sind. Mit ihrer Expertise aus der Entwicklung und Umsetzung konkreter Bürgerenergieprojekte bringt sie sich auch in den internationalen Austausch ein und unterstützt dabei, genossenschaftliche Ansätze für unterschiedliche regionale Rahmenbedingungen zu entwickeln.